Warum? Weil es geht! – Jürgen Schneiders 555-km-Lauf

555 Kilometer und 19 000 Höhenmeter in 139 Stunden und 45 Minuten.

Das sind die Eckdaten von Jürgens Mammutleistung beim WIBOLT ECV. (WIesbaden BOnn Lauf Trail Extended Combined Version) vom 12. Juni.

Bereits im letzten Jahr ist Jürgen den „normalen“ WIBOLT mitgelaufen und kam als einer der wenigen überhaupt ins Ziel (Bericht 2016).

Immer wenn man denkt, das ist doch unmenschlich, wie kann man so etwas schaffen, legt Jürgen noch eine Schippe drauf.

Den Rheinsteig an einem Stück laufen?

Bekloppt? Bescheuert? Unglaublich? Nicht machbar?

Fast die doppelte Länge (Rheinburgenweg + Rheinsteig) an einem Stück laufen?

… da fallen am gar keine Worte mehr ein.

Jürgen hat dieses Erlebnis für uns, in seinem Bericht „Warum? Weil es geht!“, in Worte gefasst.

Warum? Weil es geht!

Am 12. Juni war es soweit, 3.30 Uhr, Bonn Busbahnhof, knapp zwei Duzend Läufer aus 8 Nationen besteigen den Bus um an den Start am Rolandseck gebracht zu werden.

Es ist wieder WIBOLT – Zeit, diesmal jedoch nicht einfach nur WIBOLT, sondern WIBOLT ECV.

(WIesbaden BOnn Lauf Trail Extended Combined Version)

Von Wiesbaden nach Bonn jedoch mit dem Umweg über den Rheinburgenweg

(Rolandseck nach Bingen) dann weiter über Ingelheim und Mainz bis nach Wiesbaden.

Ab dann folgen wir dem Rheinsteig wieder zurück nach Bonn.

555 km, 19000 Höhenmeter liegen vor uns als wir nach einem ausführlichem Frühstück auf die Strecke gehen.

Der Wettergott scheint gefallen an dem Treiben zu finden. Der Himmel ist wolkenfrei und die Temperaturen steigen. Schnell verteilen sich die 21 Läufer und eine Läuferinnen auf der Strecke.

Die ersten beiden Etappen verlaufen nach Plan, jedoch beginnt der Magen zu rebellieren. Die eben am zweiten Verpflegungspunkt aufgenommene Nahrung will wieder raus. Dies wirft sämtliche Planungen über den Haufen. Strahlend blauer Himmel, Temperaturen um die 25° und offenes Gelände. Ohne ausreichend Energiezufuhr werde ich langsamer. Immer häufiger muss ich mich ausruhen und erste Gedanken an ‚Aufhören‘ schießen in den Kopf.

Schließlich gelingt es mir doch den nächsten Verpflegungspunkt zu erreichen. Wenn es weiter gehen soll muss der Plan geändert werden. Ich entscheide mich für einen längeren Aufenthalt um mich zu erholen und dafür schon jetzt, eigentlich viel zu früh, dafür auf die Geheimwaffe im Bezug auf Energiezufuhr zu setzten. Ich beginne literweise Cola zu trinken. Der Blutzuckerspiegel ist ‚begeistert‘, jedoch zeigt die Erfahrung aus früheren Läufen das dies das einzige ist, was im Körper bleibt.

Ich beginne wieder zu laufen, jedoch bin ich durch die langsame Etappe und den längeren Aufenthalt zeitlich im Verzug. Die nächsten Aufenthalte müssen kürzer werden als geplant um die Cut-off Zeiten einzuhalten. Durch die erste Nacht laufe ich am frühen Morgen in Boppard ein.
Ich mache mich auf den Weg durch das Weltkulturerbe. Ziel, der Verpflegungspunkt in Niederheimbach. Diesen erreiche ich mitten in der zweiten Nacht. Der Körper verlangt nach Salz und ich probiere es mit einer Suppe. Diese und der Blick auf Lorch baut auf.

Dort will ich in zwei Tagen wieder sein. Weiter geht es in Richtung Bingen. Bei Trechtingshausen beginnt der Anstieg und ich merke, dass ich noch nicht wirklich fit bin. Ausserdem beginnt der Schlafmangel sich bemerkbar zu machen. Ich setze mich kurz hin und nicke ein.

Als ich wach werde bin ich eiskalt, ich komme noch in die nächste Schutzhütte und ziehe wärmere Sachen an. An weiterkommen ist im Moment nicht zu denken. Erst muss der Körper wieder auf Temperatur kommen. Nein, so hatte ich mir dies nicht vorgestellt.

Ich muss weiter und als es beginnt hell zu werden bin ich auf dem Weg durch das Morgenbachtal in Richtung Bingen. Das Ende des Rheinburgenweges erreiche ich um 5.40 Uhr. 20 Minuten vor Cut-off. Somit bleibt nun keine Zeit zu ausruhen. Kurz die Getränke auffüllen, einen Kaffe am VP und weiter gehts. Der nächste Verpflegungspunkt hat wieder eine Cut-off Zeit.

26 km in 4 Stunden.

Normalerweise kein Problem, jedoch habe ich bereits 195 km in den Beinen. Ich beginne Tempo aufzunehmen jedoch hält das Thermometer mit. Es wird wärmer und wärmer. Das Tempo ist nicht zu halten. Seit kurzer Zeit laufe ich mit Michael, wir haben uns am VP in Bingen getroffen.

Wir beschließen die Rennleitung anzurufen. Wenn die Cut-off zeit nicht verlängert wird brauchen wir nicht weitermachen, dann sind wir raus. Wir erfahren, dass wir weitermachen können. Wir müssen nur bis 18.00 Uhr zum Start des regulären WIBOLT in Wiesbaden sein. Dies sollte machbar sein.

Kurzer Stopp in Ingelheim, Sabine (meine Frau ) überrascht mich mit Laugenbrötchen. Mittlerweile kann ich neben Suppe auch teilweise wieder feste Nahrung zu mir nehmen, es geht aufwärts. Allerdings auch mit den Temperaturen. Die Sonne brennt und auf dem Weg von Ingelheim nach Mainz und gibt es nichts was Schatten spenden könnte.

Der Schiefer der Weinberge und der Sandboden heizen sich auf.

Endlich in Mainz angekommen sind wir sicher rechtzeitig in Wiesbaden zu sein. Kurz vor dem Aufgang über den Rhein fängt mich eine Arbeitskollegin ab. Seit Montag fiebert eine kleine Gruppe in der Firma mit. Die kurze Unterhaltung baut weiter auf. Nun also über die Brücke und dann in Richtung Biebricher Schloss. Es ist etwa 17.00 Uhr als wir dort eintreffen. 255 km sind geschafft.

Die Teilnehmer des regulären WIBOLT bereiten sich bereits auf den Start vor. Ich beschließe meinem Körper maximale Ruhe zu gönnen und mache nur das Nötigste um die nächste Etappe in Angriff zu nehmen. Dann ab in den Liegestuhl. Eine weitere Arbeitskollegin schaut vorbei, ein kurzes Gespräch, dann döse ich weiter vor mich hin.

Eigentlich wollte ich hier bereits vor 10 Stunden gewesen sein. Wie auch immer. Es ist nur noch der WIBOLT, 300 km, den kenne ich vom letzten Jahr.

Kurz vor 18.00 Uhr mache ich mich jetzt wieder alleine auf den Weg. Schnell werde ich vom Starterfeld des WIBOLT eingeholt und im Schiersteiner Hafen wartet René, ein Arbeitskollege auf mich. Er wird mich die nächste 4 Stunden begleiten. Es ist seine Vorbereitung auf einen Ultralauf in Österreich und für mich eine willkommene Abwechslung.

Die Zeit vergeht und über Frauenstein geht es nach Schlangenbad, der ersten Verpflegungsstelle.

Wir halten uns nicht lange auf und machen uns auf den Weg nach Kiedrich. Es ist mittlerweile 22.00 Uhr. René überläßt mich wieder meinem Schicksal und ich mache mich alleine auf den Weg.

Der Körper beginnt sich zu erholen. Mental werde ich mit jedem Schritt stärker, welcher mich nach Lorch treibt. Noch mal 30 Minuten zum Schlafen in den Wald gelegt, dann geht es in zügigem Tempo über Rüdesheim nach Lorch.

Der Anblick ist für mich jedes mal wieder toll. Es ist Feiertag, dementsprechend ruhig ist es in Lorch. Der Verpflegungspunkt ist gut besucht, ich treffe einige WIBOLT Läufer wieder.

Ich muss weiter, der Wettergott meint es nicht gut für uns Läufer, die Sonne brennt, doch irgendwie gelingt es bis auf die Loreley zu kommen. Hier gönne ich mir eine echte Pause.

Eine Stunde Schlaf in der Turnhalle der Schule, es braucht wenig um glücklich zu sein.

Weiter gehts über Oberkestert und Kamp-Bornhofen in Richtung Braubach. Dieser Teil der Strecke verlangt wieder volle mentale Stärke. Immer wieder zeigt sich die Marxburg, nur kommt man nicht näher. Die Anzahl an Tälern und Einschnitten, welche zu durchlaufen sind, nehmen einfach kein Ende.

Weiter nach Lahnstein und dann durch die Ruppertsklamm, eine der schönsten Stellen der Strecke. Koblenz, Burg Ehrenbreitstein unterwegs in Richtung Vallendar ereilt mich der nächste Tiefschlag.

Ich spüre einen stärker werdenden Schmerz im linken Fuss. Die Schuhe sind hin. Der nächste Drop-Back Punkt ist erst in Feldkirchen, noch mindestens 45 km. Dort könnte ich wechseln, jedoch habe ich nicht die richtigen für die letzten Etappen dabei. So weiterlaufen geht nicht.

Ich entscheide mich für neue Schuhe. Es ist Freitag Mittag, ich nehme mein Handy und telefoniere mit Sabine. Kurze Absprache um was es geht. Ich benötige genau das gleiche Paar welches ich im Moment laufe. Altra Lone Peak 3.0, nichts was man so eben im Sportgeschäft um die Ecke kauft. Michael Frenz, selbst Ultraläufer und Betreiber eines Internet-Shops ist die einzige Hoffnung. Ein kurzer Anruf und schon macht sich Sabine auf den Weg nach Kaiserlautern. Michael hat ein Paar vorrätig und Sabine kann die neuen Schuhe dort abholen. Anschließend macht sie sich auf den Weg in Richtung Koblenz. Leider reicht die Zeit nicht mehr ganz nach Vallendar bevor ich hier wieder los muss. Also bringt Sie die Schuhe zum nächsten VP und ich muss sehen wie ich durchkomme.

Durch Autosuggestion gelingt es mir die Schmerzen in den Griff zu bekommen, wohlwissend dass dies nicht wirklich gesund ist, laufe ich weiter und kann schließlich gegen 22.00 Uhr die neuen Schuhe in Empfang nehmen. Ich fühle mich wie im Himmel, wie gesagt, es kommt der Punkt wo man nicht viel braucht um glücklich zu sein. Ich verlängere erneut meinen Aufenthalt um dem Fuss die Gelegenheit zu geben sich etwas zu erholen. Jetzt noch ‚schnell‘ bis Feldkirchen, dann sind es nur noch schlappe 90 km. Die Relationen verschwimmen.

In Feldkirchen angekommen, beschließe ich die Zeit bis zum Cut-off voll auszuschöpfen.

Sind sowieso nur noch 2 Stunden.

Noch einmal im Schlafsack schlafen, bevor ich um 6.00 Uhr wieder los muss. Die nächsten zwei Etappen sind kurz und so erreiche ich Linz.

In Linz beginnt die vorletzte Etappe. Allerdings auch die Etappe welche den Läufern alles abverlangt. Lange 30 km geht sie durch das Siebengebirge. Ich frage mich wer hier die Waldwege angelegt hat. Steil und senkrecht den Berg hoch, und dann das ganze wieder runter. Wieder und wieder. Bergauf kann man nicht laufen, zu steil. Bergab kann man nicht mehr laufen, zu steil.

Die Kilometer ziehen sich, auf dem letzten Anstieg holen mich Wanderer ein. Frust kommt hoch.

Die nächste Abwärtspassage läßt sich wieder laufen, ich nehme Geschwindigkeit auf und erreiche den letzten Verpflegungsposten vor dem Ziel. Jetzt wird alles gut.

Mit Pizza und Suppe werde ich aufgepäppelt. Die Helfer an den VP’s sind wirklich toll.

Noch etwas mehr als 20 km und der Sonntag ist noch weit. Allerdings bin ich ziemlich müde.

1, 5 Stunden Schlaf im Schnitt pro Tag ist nicht viel. Und jetzt geht es noch mal durch ziemlich unwegsames Gelände. Ich frage zwei reguläre WIBOLT-Läufer, welche mit mit gleichzeitig am VP sind, ob ich mich Ihnen auf dem ersten Teil anschließen kann. Zu dritt ist es in der Nacht einfacher sich zu orientieren. Kein Problem für die Beiden. Ein paar Gespräche welche ablenken und wir sind über den Petersberg. Lieber würde ich jetzt eines der Zimmer in dem 5 ***** Hotel beziehen, als weiter zu laufen, aber der Marktplatz in Bonn wartet.

Es wird Zeit das ich ankomme, ich bedanke mich bei Dennis und Hanno, meinen beiden Begleitern, und gebe noch mal Gas. Immer wieder treibt die Strecke einen in den Wald, wo man Bonn doch schon sehen kann. In einem langen Bogen komme ich endlich an den Rhein. Es ist nach Mitternacht. Den letzten Kilometer bin ich gegangen. Die Beine melden sich. Erstaunlich wie der Kopf funktioniert. Kaum hat er realisiert, das Ankommen im Zeitlimit auf jeden Fall sicher ist, schaltet er um. Ich will nicht mehr schreit der Körper bei jedem Schritt. Konzentrieren fällt schwer,  es ist Nacht sechs ohne ausreichend Schlaf.

Keine Menschenseele auf dem sonst so belebten Weg entlang des Rheins.

Ich versuche immer wieder zu laufen, jedoch verweigern die Beine immer häufiger den Dienst.

Gehen, Laufen, gehen. Wo ist die verdammte Brücke über den Rhein? Endlich, die Treppen nach oben sind nun eine echte Herausforderung aber oben angekommen heißt es nur noch rüber über den Rhein, zwei, drei Schlenker und dann ist er da, der Marktplatz.

Es ist Sonntag der 18.06., 01:45 Uhr. Ein paar Nachteulen sind noch unterwegs, als mich Michael in Empfang nimmt. Geschafft 555 km, 19.000 Höhenmeter, 139 Stunden und 45 min.

Später erfahre ich, dass von den 22 gestarteten Läufern nur zwei innerhalb der Zeit gefinished haben. Orion Antoli Sarrau hat knapp vier Stunden vor mir das Ziel erreicht. Der dritte Läufer, welcher schließlich knapp 8 Stunden nach Zielschluss den Marktplatz in Bonn erreicht, ist mein Bruder Andreas. Ein Katalane und zwei Lorcher, keine schlechte Bilanz.

Und warum?  Weil es geht!

Kommentar zu “Warum? Weil es geht! – Jürgen Schneiders 555-km-Lauf
  1. Hallo Jürgen,
    habe eben zufällig deinen Bericht gelesen. bin erstaunt dass du wieder so top betr. Laufen drauf bist.

    Da kann ich nur sagen tolle Leistung. Ich kann das gut nachempfinden was das für Strapazen sind
    aus eigener Erfahrung.
    Ich denke manchmal noch an meinen 1. Marathon in München mit Dir zurück bei Temperaturen
    bis 39 Grad.

    Freundschaftlich
    Peter

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